Mittwoch, 26. November 2014

Anders (Andreas Steinhöfel)










Königskinderverlag (Carlsen)


Der Autor


Andreas Steinhöfel wurde 1962 geboren und ist ein deutscher Autor. Er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Drehbücher und ist als Übersetzer tätig.


Anders


Als Felix Winter einen schweren Unfall hat, fällt er für 263 Tage ins Koma. Nachdem er aus diesem wieder aufwachte, war nichts mehr wie es war. Alles war gewissermaßen „anders“. Nicht nur, dass Felix sich an nichts mehr vor dem Unfall erinnert, er fühlt sich auch nicht mehr wie Felix Winter und möchte fortan „Anders“ genannt werden. Zudem ändert er auch sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen, er beginnt ihnen Krankheiten vorher zu sagen. Auch in der Schule wird er für ein Schuljahr zurück gestuft. Dies und sein seltsames Verhalten führen dazu, dass Anders von allen gemieden wird. Nicht nur seine Mitschüler machen um ihn einen großen Bogen, auch seine Eltern fassen ihn nur noch mit Samthandschuhen an. Allein seine alten Kumpels Nisse und Ben scheint die Amnesie nichts auszumachen. Doch gerade Nisse hat sich während Anders` Krankenhausaufenthalt mehr als einmal über seinen Zustand lustig gemacht und nun möchte er wieder sein bester Freund sein? Nach und nach wird klar, dass mehr hinter diesem Verhalten steckt. Etwas ist vor dem Unfall zwischen den Freunden vorgefallen.


Fazit


Ein etwas „anderes“ Buch über einen tragischen Unfall und die Veränderung eines Jungens, der sich an die Vergangenheit nicht mehr erinnern kann. Die bisherige Familienfassade beginnt zu bröckeln und seine Mutter Melanie sowie sein Vater Andrè beginnen über ihr Verhalten Felix gegenüber nachzudenken. 


Der Schreib- und Erzählstil des Buches ist ziemlich schwierig, aber man kann ihm trotzdem folgen. Der Stil strotzt nur so vor Distanz, aber auch verschiedenen Symbolen, die vom Leser interpretiert werden müssen. Diese Distanz, die zwischen dem Hauptprotagonisten Felix/Anders und dem Leser hergestellt wird, ist vom Autor so gewählt wurden, gerade um die Andersartigkeit des Romans herauszustellen. Und dies gelingt ihm ziemlich gut. Ich war am Ende dieses Buches wirklich mehr als erleichtet über jenes Ende ;) Dass Anders seit dem Unfall so anders ist, macht den Roman aber auch spannend. Denn in dieser neuen Figur, die in den Menschen Farben sieht und ihnen Krankheiten voraussagt, steht in einem krassen Gegensatz zum vorherigen eher oberflächlichen Jungen Felix, dessen Charakter man ein wenig durch die Beschreibungen seines Umfelds im Laufe des Buches erkennen kann. Gerade der Vorfall zwischen Nisse, Ben und Felix unterstreicht diesen Charakter noch. Nach seinem Unfall sieht Felix all das anders, zumal er sich zu Beginn nicht an den Vorfall erinnern kann. 


Die Protagonistin Melanie Winter ging mir als Helikoptermutter ein wenig auf die Nerven. Ständig beobachtet sie alles an ihrem Sohn und registriert die kleinste Andersartigkeit. Auch sein Vater Andrè weißt diesen Charakterzug auf, im Gegensatz zu seiner Frau, registriert er diese Andersartigkeiten jedoch mit Freude, denn auch er ist auf seine Art und Weiße „anders“.


Alles in allem meiner Ansicht nach ein großartiges Buch, welches vom Leseanspruch eher hoch als niedrig ist. Ich glaube aber, dass gerade dieser Anspruch vom Autor beabsichtigt ist, da man Andreas Steinhöfel vor allem aus Kinder- bzw. Jugendbüchern wie „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ etc. kennt und er sich mit diesem Buch deutlich von diesem Genre abzugrenzen sucht, wie ich finde.

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Sonntag, 23. November 2014

Glücksdrachenzeit (Katrin Zipse)




Magellan Verlag


Die Autorin


Katrin Zipse arbeitete mehrere Jahre als Dramaturgin und ist seit 1993 Redakteurin bei SWR2. Außerdem schreibt sie Radio-Features und Hörspiele. Sie lebt mit ihrer Familie und Berta, der Hündin mit den vier Augen, in Baden-Baden. So oft es geht unternimmt sie Spritztouren nach Frankreich und genießt das Savoir-vivre.


Glücksdrachenzeit


Als Nellies Bruder Kolja eines Nachts einfach abhaut und aus ihrem Leben verschwindet, bricht für Nellie eine Welt zusammen. Nichts ist mehr wie es war. Plötzlich ist ihr engster Vertrauter, ihr Ein und Alles aus ihrem Leben verschwunden. Kurzerhand fasst Nellie einen Entschluss, sie wird zusammen mit ihrem Hund Jackson, Kolja nach Avignon hinterher reisen und ihren Bruder wieder zurück nach Hause holen. Von ihren Eltern ist keine Unterstützung zu erwarten, ihre Mutter heult sich bei ihrer Freundin Vera aus und ihr Vater macht in der Zwischenzeit eine Segeltour. Auf ihrem Weg nach Frankreich, welchen sie trampend hinter sich bringen möchte, lernt sie zauberhafte wie verrückte Miss Wedlock mit ihrem pfefferminzgrünen Oldtimer Morris kennen, welche sie nach Avignon fahren möchte. Unterwegs gabeln sie noch Elias auf, den tollsten Junge, den Nellie je kennen gelernt hat. Zu viert machen sie sich auf die verrückte und aufregende Reise nach Frankreich. Was soll schon schief gehen?


Manchmal hat das Leben echt keine Ahnung


Was soll schon schief gehen? Das denkt sich auch Nellie. Doch bereits der Aufbruch zu dieser aufregenden Reise läuft nicht ohne Tücken. Als sie endlich unterwegs ist, ist es gar nicht so einfach mit einem Hund wie Jackson von anderen Autofahrern mitgenommen zu werden. Als sie endlich die wunderbar verrückte Miss Wedlock trifft, scheint die Welt für eine kurze Zeit wieder in Ordnung. Doch was ist in den vielen Tüten auf dem Rücksitz, die Nellie unter keinen Umständen öffnen darf? Leider weiß Jackson davon nichts und begeht in seiner Langeweile auf dem Rücksitz einen fatalen Fehler.


Miss Wedlock ist eine wunderbare Protagonistin. Nicht nur, dass sie Nellie mehr als einmal aus der Patsche hilft, sie unterhält das Mädchen während der Fahrt und hat auch mit Jackson kein Problem. Noch bunter wird der verrückte Haufen, als sie an einer Raststätte noch den jungen Elias aufgabeln, der sich als Lebenskünstler durch die Welt schlägt. Auch er möchte nach Süden und kommt den beiden Frauen gerade recht. Mit ihm kommt zu der wunderbaren Freundschaft zwischen Nellie und Miss Wedlock noch die erste Liebe hinzu, denn Nellie hat längst ein Auge auf ihn geworfen. Als sie schließlich in Avignon ankommen, wartet dort nicht nur ihr Bruder Kolja, sondern auch noch eine ganze Drogengang auf sie.


Elias ist ebenfalls ein toller Protagonist, den man als Leser sofort in sein Herz schließt. Nach Miss Wedlock komplettiert er das muntere Trio und hilft den Frauen, wo er kann. Nellie, die Hauptprotagonistin ist wahrlich einzigartig. Nicht nur, dass sie für ihren Bruder Kolja, der sie einfach im Stich gelassen hat, nun ihre Familie zurücklässt. Sie begibt sich auch allein auf die gefährliche Reise gen Süden. Erst nach und nach erfährt der Leser die tatsächliche Familiengeschichte und dass Kolja sehr wohl für seine Schwester da war, früher. Nun ist Nellie am Zug. Zudem hat der Leser immer das Gefühl in einigen Abschnitten von Nellie direkt angesprochen zu werden. Dies scheint nicht wirklich in die Geschichte zu passen und klärt sich auch erst weit am Ende des Romans.


Der Schreib- und Erzählstil der Autorin ist wunderbar und man hat das Gefühl mit im alten Oldtimer Morris von Miss Wedlock zu sitzen und den schweren Kopf von Jackson auf seinem Arm liegen zu haben. Ansprechen möchte ich zudem den passenden Titel und die schöne Covergestaltung des Buches. Deshalb ist mir der Roman eigentlich ins Auge gesprungen. Und ich habe wirklich nicht bereut, ihn gelesen zu haben.


Alles in allem ein wirklich gelungener Roman über die Geschichte einer Familie, die tiefer geht, als normale Fürsorge unter Geschwistern. Die Themen Freundschaft, Liebe, Familie, aber auch Tod, Drogen und Probleme begleiten den Roman. 

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Samstag, 15. November 2014

Aquarius (Thomas Finn)






Piper Verlag


Der Autor


Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren und lebt heute in Hamburg. Der ausgebildete Werbekaufmann und Diplom-Volkswirt ist preisgekrönter Spiele- und Romanautor. Er hat einige Jahre als Lektor und Dramaturg sowie als Chefredakteur bei Nautilus gearbeitet.


Aquarius


Berufstaucher Jens Ahrens gerät bei einer Explosion einer Seemine bei Bergungsarbeiten an einem gesunkenen Schiff in größte Gefahr. Doch wie durch ein Wunder überlebt er die Explosion und findet sich später an einem Strand wieder, wo er schemenhaft eine Frau erkennen kann. Kurze Zeit später ist er wieder bewusstlos. Als er zu sich kommt, befindet er sich gefesselt und unter Drogen gesetzt in einem alten Keller wieder, zusammen mit ein paar weiteren Gefangenen. Doch erneut schafft es Ahrens sich zu befreien und landet schließlich in Egirsholm, einen beschaulichen kleinen Küstenort an der Nordsee. Dort will ihm zunächst keiner die Geschichte glauben, doch eine junge und enthusiastische Polizistin nimmt sich seiner an. Gemeinsam machen sie sich an die Aufklärung des mysteriösen Falles. Wieso wurde Ahrens gefangen genommen und wer waren die anderen Gefangenen? Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, wie er die Explosion überstehen konnte. Plötzlich befinden sich beide in großer Gefahr, denn geheimnisvolle Wesen treiben ihr Unwesen und mysteriöse Sagen scheinen zum Leben erweckt worden zu sein.


Fazit


Ein aktion- wie fantasiereiches Buch, welches die perfekte Mitte zwischen Realität und Fantasie gefunden hat. Zu Beginn liegen die Ereignisse im Dunkeln und scheinen wenig miteinander zu tun zu haben. Es geschehen rätselhafte Morde, welche unerklärbar scheinen, dazu kommt der mysteriöse Unfall von Jens Ahrens und seines Kollegen Werner. Doch der Hauptprotagonist Ahrens macht sich auf die Suche und gerät immer Tiefer in die Verwicklungen aus Lügen und Intrigen, welche eng mit den sagenumwogenen Heimatgeschichten der Nordseedörfer zusammen hängen. 


Jens Ahrens ist ein sympathischer Protagonist, welcher die Geschehnisse zu Beginn selbst nicht glauben kann. Doch er weiß, was er gesehen hat und versucht nun mit aller Macht hinter die Geheimnisse der Morde und Entführungen zu kommen. Diese Spurensuche gestaltet sich gar nicht so leicht, denn die Drahtzieher haben ihre Spuren mehr als gut verwischt. Immer wieder findet man sich als Leser selbst in einer Sackgasse. Letztlich entpuppen sich jedoch wage Vermutungen als wahr, weshalb nach und nach einzelne Aspekte ans Licht kommen. Immer mehr spielen alte nordische Sagen und geheimnisvolle Fantasiewesen eine wichtige Rolle. Diese Mischung aus Realität und Fantasie finde ich mehr als gut gelungen. Man hat die ganze Zeit das Gefühl mitten in einem Actionthriller zu stecken, der am Rande der Realität spielt. 


Der Schreib- und Erzählstil des Autors ist spannend und man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Ebenfalls gut gelungen finde ich die Umschlag- und Klappentextgestaltung. Das Buch macht Lust auf Nordsee und mystische Sagen. 

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Mittwoch, 12. November 2014

Über ein Mädchen (Joanne Horniman)




Carlsen Verlag

Die Autorin

Joanne Horniman hat als Lektorin, Lehrerin und Künstlerin gearbeitet und schreibt, seit sie selbst 6 Jahre alt ist. Sie hat bereits mehrere Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht und wurde zudem bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Mit ihrem Mann, einer Katze, zahlreichen Hühnern und Enten bewohnt sie ein Haus mit Werkstatt und großem Gemüsegarten in der Nähe von Lismore im Südwesten Australiens.

Über ein Mädchen

Flynn und Anna, Anna und Flynn. Vertraut und doch so anders. Als die 18jährige Anna Flynn kennenlernt, ändert sich für sie alles. Seit der Trennung ihrer Eltern war Anna zuhause ausgezogen. Sie wohnte nun in einer eigenen Wohnung, die ihr eigentlich zu groß und zu leer ist. Außerdem arbeitet sie in einer Buchhandlung, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hat, welches ihr zu leicht war. Anna ist eine Träumerin und denkt viel nach. Als sie eines Tages Flynn begegnet, kann sie nichts anders tun, als dieses Mädchen kennen lernen. Sie fühlt sich förmlich zu ihr hingezogen. Dieses Buch berichtet vom Beginn einer wunderbaren Liebe zwischen zwei Mädchen, die sich kennen lernen und sofort zueinander hingezogen fühlen. Aus einer anfänglichen Freundschaft, zaghaften Berührungen und scheuen Blicken, wird eine zarte erste Liebe.

Fazit

Zu Beginn des Romans war ich mir nicht sicher, ob der Erzähler ein Junge oder ein Mädchen ist. Denn es ging von Beginn an um Flynn. Nach und nach wird klar, dass der Erzähler eine Erzählerin mit dem Namen Anna ist. Der Roman ist eine Art Tagebuch von Anna, welches es dem Leser leicht macht sich in die Protagonistin hineinzuversetzen.

Das Buch selbst gliedert sich in drei Teile. Teil eins und drei beschäftigen sich mit Annas Gegenwart, ihrer Begegnung mit Flynn und wie sich aus einer anfänglich berührenden Freundschaft eine zarte und mit allen Gefühlen behaftete Beziehung wird. Der zweite Teil setzt sich mit Annas Vergangenheit auseinander. Eine Vergangenheit, die für Anna mehr als schmerzbelastet ist. Ihre Eltern trennen sich, sie fällt selbst in eine tiefe Depression und entwickelt Gefühle, welche sie von sich nicht kannte. Überrascht und verwirrt von sich selbst, fühlt sich Anna alleingelassen und auch ihre Mutter scheint sich mehr um ihre kleine Schwester Molly zu kümmern. Doch Anna kämpft, zieht von zuhause aus, lässt ihren besten Freund Michael zurück. Und dann kommt Flynn. 

Der Schreib- und Erzählstil der Autorin ist wunderbar authentisch und man möchte den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen. Jede einzelne Seite ist voller Leidenschaft, Gefühl und Emotion. Immer mit der gewissen Distanz, aus welcher Anna die Dinge sieht.
Positiv möchte ich zudem das Cover und den Buchumschlag hervorheben. Als ich das Buch originalverschweißt auspackte, dachte ich zunächst an einen Scherz, denn unter dem Buchumschlag auf dem Cover befinden sich Abdrücke wie von einer Kaffeetasse und auch auf der Rückseite ist ein Kaffeefleck. Dies ist jedoch gewollt und gibt dem Roman einmal mehr den Charme eines Tagebuchs. Auch der Schutzumschlag ist in seiner Gestaltung wunderschön und untermalt den Roman mit einer zarten Mädchennote. Zusehen ist vielleicht genau die Teekanne, aus welcher Flynn und Anna immer zusammen Tee trinken.

Alles in allem ein toller und beeindruckender Roman über das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens, welche von ihren Gefühlen überfordert ist. Themen wie Freundschaft, die erste Liebe und Probleme im Elternhaus spielen hier eine tiefgreifende Rolle. Ein Roman, welcher zurecht für den deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert ist.

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